Die Teilzeit Illusion- Warum viele Frauen keine echte Wahl haben

Dachverband der Steirischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen

22/09/2025

Die Teilzeit Illusion Warum Frauen keine echte Wahl haben e1758523519582

Teilzeit wird oft als Lösung für Vereinbarkeit verkauft. In der Praxis zeigt sich jedoch:

Betreuungslücken, Niedriglöhne und Rollenbilder drängen viele Frauen in dieses Modell, wie der Dachverband der steirischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen berichtet.

Die steirischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen begleiten seit Jahrzehnten Frauen in unterschiedlichsten Lebenslagen. Ihre Erfahrungen zeigen deutlich: „Teilzeit wird oft als Lösung für Vereinbarkeit
verkauft. In Wahrheit zwingt ein System aus Betreuungslücken, Niedriglöhnen und Rollenbildern viele Frauen in dieses Modell“, heißt es aus dem Dachverband. Für die Betroffenen bedeutet das nicht Flexibilität, sondern Abhängigkeit, Einkommensverluste und ein hohes Risiko von Altersarmut – und nur selten echte Wahlfreiheit. Umso bedeutender ist unter diesem Aspekt die Arbeit der Frauen-und Mädchenberatungsstellen, die Betroffene bei den unterschiedlichen Herausforderungen unterstützen.

PENSION FÜR FRAUEN UNTER ARMUTSGRENZE

In Österreich arbeitet fast jede zweite angerstellte Frau in Teilzeit. Was kurzfristig hilft, Beruf und Familie zu vereinbaren, zeigt langfristig gravierende Folgen: In der Steiermark liegt die durchschnittliche Frauenpension derzeit bei 1.443 Euro – und damit deutlich unter der Armutsgefährdungsgrenze von 1.661 Euro netto. Die Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehen darin ein klares Muster: Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit nicht, weil sie es wollen, sondern weil Strukturen sie dazu zwingen. Fehlende Kinderbetreuung, unflexible Arbeitszeiten, niedrige Löhne und tradierte Rollenbilder bestimmen, wie viel Erwerbsarbeit möglich ist.

DOPPELBELASTUNG AB 45+

„Viele Frauen sagen uns: Mehr Stunden würden sich gar nicht lohnen, weil das zusätzliche Einkommen sofort für Betreuungskosten
verschwindet“, erklärt Astrid Kniendl von Akzente. Auch Frauen über 45 berichten, dass sie Vollzeit gesundheitlich nicht mehr durchhalten – oft nach Jahren in belastenden Schicht- oder Pendeljobs. Gleichzeitig übernehmen viele in dieser Lebensphase zusätzliche Care-Arbeit, etwa die Pflege ihrer Eltern. Diese Doppelbelastung macht eine Vollzeitstelle für viele schlicht unmöglich. Nur wenige Frauen streben überhaupt den
Sprung von Teilzeit auf Vollzeit an. Viel häufiger geht es um kleine Aufstockungen – von 20 auf 25 Stunden etwa. Doch auch das scheitert an der Realität: Schulen enden zu Mittag, Ganztagesbetreuung ist lückenhaft, viele Betriebe bieten nur starre Arbeitszeitmodelle an. „Teilzeit entsteht nicht im luftigen Raum von individuellen Entscheidungen“, sagt Sandra Janics- Jakomini von der Beratungsstelle Freiraum. „Sie spiegelt ein System wider, in dem Rollenbilder, ökonomische Zwänge und fehlende Strukturen zusammenspielen.“

LÄNDLICHER RAUM VERSTÄRKT ABHÄNGIGKEIT

Besonders im ländlichen Raum verstärken sich diese Dynamiken. Männer pendeln in höher bezahlte Jobs, Frauen bleiben in Teilzeitstellen vor Ort – und geraten so in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner. Spätestens mit dem ersten Kind scheint diese Abhängigkeit einzementiert, so Ulrike Gärtner von Innova.

WEGE AUS DER TEILZEITFALLE

Der Dachverband der steirischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen macht sichtbar, was in Statistiken leicht abstrakt bleibt: die unmittelbaren Auswirkungen auf Lebensläufe, Familienmodelle und
Altersabsicherung. Die Beratungsstellen sensibilisieren seit Jahrzehnten für die Folgen struktureller Ungleichheiten – und zeigen, wo Veränderung dringend nötig ist: von flächendeckender, leistbarer
Kinderbetreuung über faire Bezahlung in frauendominierten Branchen bis hin zu einem verpflichtenden Pensionssplitting während der Kinderbetreuungszeit.

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